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19. Oktober 2012
Ralf Scholt kein externer Berater mehrBesser doch nicht, hatte Ralf Scholt, Sportchef des Hessischen Rundfunks, sich wohl gesagt. Am 10. Oktober 2012 berichtete ZAPP über seine Teilnahme bei der Strukturkommission des Deutschen Schwimm-Verbands. Eine Reihe von Experten soll die Zukunft des deutschen Schwimmsports wieder in erfolgreichere Bahnen lenken. Zwar wollte er dort nur als externer Berater und ehrenamtlich tätig sein, aber verträgt sich das mit seiner Rolle als unabhängiger Journalist, der über den Schwimmsport berichtet?
Einen Tag bevor die Kommission das erste Mal tagen wollte, vermeldet der Sport-Informations-Dienst dann aber, Scholt habe sich nun doch gegen eine Mitarbeit entschieden, nachdem “vor allem die Berufung des unabhängigen Journalisten von Medienseite kritisiert worden war.” Der Generalsekretär des Deutschen Schwimm-Verbands Jürgen Fornoff gestand: “Die Reaktionen darauf hatten wir unterschätzt. Da waren wir wohl etwas zu blauäugig.” (SID, 18.10.2012) Posted von Zapp Redaktion in Allgemein |
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1. Oktober 2012
Transparenzoffensive – Jetzt aber wirklich?Ausführlich hat das “Handelsblatt” in den letzten Wochen über Sexreisen von Mitarbeitern der ERGO-Versicherung berichtet, unter anderem über eine Reise in ein Swingerhotel auf Jamaika. Es wurde klar: Die ERGO-Lustreise nach Budapest 2007 war kein Einzelfall, wie vom Konzern immer wieder behauptet wird. Die Enthüllungen zeigten auch: Die zuvor von ERGO so vollmundig verkündete Transparenzoffensive war nur ein Lippenbekenntnis. ZAPP zeichnete aus der Lustreisen-Affäre ein Lehrstück für missglückte Krisenkommunikation. Jetzt hat der Konzern eingelenkt. In einem Interview mit der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” kündigte ERGO-Chef, Torsten Oletzky, noch einmal eine Transparenzoffensive an. “In der Kommunikation haben wir nicht immer eine gute Figur gemacht”, heißt es dort. Und: “Unter Druck macht man auch mal Fehler. (…) Ich kann Ihnen versprechen: Wir werden alles, was wir finden, veröffentlichen – jetzt und in Zukunft.” Jetzt machen wir wirklich ernst mit der Transparenz, soll das wohl heißen und zum Beweis stellte der Konzern auch gleich Informationen zu den dubiosen Reisen ins Internet, darunter auch Informationen zu bisher unbekannten Reisen. Da ist von einem Mitarbeiter die Rede, der einer Kollegin auf Sardinien “an das Gesäß gefasst” habe, von Taxifahrten von einer Tabledance-Bar in Kitzbühel zum Hotel, auch von einem Stripclub in Tallin, teilweise sind die Original-Belege angehängt. Anrüchige Kleinigkeiten, keine größeren Skandale. Journalisten, die in diesem Fall recherchieren, bewerten das als taktischen Zug – als ERGOs Versuch den Journalisten zu suggerieren: Wir legen alles offen, weitere Recherchen lohnen sich nicht. Aber die wird es natürlich geben. Die ERGO hat bisher nur 580 Reisen geprüft, von insgesamt 3.500. Unter den Dokumenten, die ERGO jetzt ins Netz gestellt hat, ist auch der Revisionsbericht zur Budapest-Reise 2007. Das “Handelsblatt” hatte ihn vor einigen Wochen schon veröffentlicht, dagegen geht ERGO gerichtlich vor. Es sei ein Unterschied, ob man selber die Informationen veröffentliche oder ob dies Medien täten, argumentiert Oletzky im FAS-Interview. Schließlich seien da Persönlichkeitsrechte im Spiel. Der Konzern bleibt bei seinem Argument: Der Bericht sei urheberrechtlich geschützt und das sei wichtiger als das öffentliche Interesse daran. Man kann sich wohl wieder auf eine eher defensive Transparenzoffensive einstellen. von Bastian Berbner Posted von Zapp Redaktion in Allgemein |
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21. September 2012
BRAVO Bundeswehr!?Wir. Dienen. Deutschland. Das neue Motto von BRAVO TV. BRAVO TV? Nein, eigentlich ist das der Slogan der Bundeswehr. Aber die Jugendsendung und das Militär arbeiten jetzt Hand in Hand. BRAVO ist Medienpartner der “BW-Adventurecamps“. Eine Mischung aus Urlaub, Party und Vorgeschmack des Wehrdienstes. Die Bundeswehr will dem Nachwuchs so eine Militärkarriere schmackhaft machen.
Krass. Cool. Party. Im Oktober können die Teilnehmer zwischen 16 und 21 Jahren in den Alpen mit Gebirgsjägern “kraxeln”, abends gibt es dann eine “Sause” in einer “coolen Berghütte der Bundeswehr”. Oder die Jugendlichen reisen zur deutschen Luftwaffe nach Sardinien, wo nach “krassen Wettkämpfen” auf dem Wasser später “coole Beach Partys” warten. Reise, Unterkunft und Verpflegung: umsonst. Die Bundeswehr veranstaltet seit Jahren solche Action-Events, um die Jugend für die Armee zu begeistern. Sie werden immer wichtiger, seitdem die Wehrpflicht ausgesetzt wurde. Die aktuelle Kooperation mit der BRAVO sorgt nun für eine große, öffentliche Aufmerksamkeit. Wachsende Kritik Immer mehr Medien berichten über den Anwerbeversuch. Politiker und Verbände wie “terres des hommes” sehen den Vorgang sehr problematisch. Sie wollen die Kampagne stoppen, da sie ein falsches Bild von der Bundeswehr vermittle, kindliche Begeisterung ausnutze und sogar gegen die UNO-Kinderrechtskonvention verstoße. Deutschland verpflichtet sich darin, keine Jugendlichen unter 17 Jahren für die Bundeswehr anzuwerben. Auch auf der Facebookseite der “Bravo” häuft sich die Kritik. “Keine Militärwerbung bei Minderjährigen!” ist da zu lesen. “Kein Werben für’s Sterben!” hat sich gebildet. Bundeswehr und BRAVO weisen die Vorwürfe zurück. Die Jugendzeitschrift prüfe laut der PR Referentin alle Anzeigenkunden genau. Im Fall der Bundeswehrkampagne hat BRAVO keine Bedenken, verweist aber darauf, dass für die Inhalte allein die Anzeigenkunden verantwortlich seien. Die Bundeswehr sieht in der Kampagne alle gesetzlichen Vorgaben erfüllt. Die Aktion setze ausschließlich auf eine freiwillige und unverbindliche Teilnahme. Die Zusammenarbeit mit BRAVO laufe außerdem schon seit 2004. Keine Rede vom Risiko Die Debatte scheint größer zu werden. Die Opposition will nach einem Bericht der “Westfälischen Rundschau”, dass sich der Bundestag mit der Kampagne befasst. Das hippe Werbevideo zur Kampagne wurde mittlerweile entfernt. Natürlich muss die Bundeswehr aktiv nach Nachwuchs suchen. Das Problem dabei ist die Art der Vorgehensweise. Sie setzt beim Anwerben der Nachwuchssoldaten auf Action, Adrenalin und Abendteuer – “Das klingt nach Party”, wie es im Werbetext heißt. Berufsrisiken oder eventuelle psychische Belastungen wie nach Einsätzen in Afghanistan werden bei der Aktion nicht thematisiert. Solche Adventure-Events waren bisher eher von großen Tabakfirmen bekannt. Kostenlose Reisen und Gratis-Partys, um junge Soldaten anzuwerben sind fragwürdige Methoden. Die Motivation der Truppe beizutreten sollte nicht darauf basieren. von Jakob Leube Posted von Zapp Redaktion in Allgemein |
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29. August 2012
Leistungsschutzrecht: Zeitungsverlage dürfen Google-Zoll erhebenSpringer-Cheflobbyist Christoph Keese dürfte die Sektkorken knallen lassen. Das lange Drängeln der deutschen Zeitungsverlage unter seiner Führung war erfolgreich: Das Bundeskabinett hat ihren Gesetzentwurf zum sogenannten Leistungsschutzrecht für Presseverlage auf den Weg gebracht. Online-Artikel von Presseverlagen stehen dann unter besonderem Schutz, der über das normale Urheberrecht hinausgeht (und in diesem Fall auch nicht etwa den Autoren der Artikel, sondern dem Verlagshaus zu Gute kommt).
Suchmaschinen und Nachrichten-Aggregatoren, die Websites der Verlage scannen und deren Inhalte “systematisch” zugänglich machen, bekommen dann eins auf die Finger, wenn sie beispielsweise Ausschnitte aus Artikeln anzeigen. Was viele Nutzer als normale Funktionsweise des Internets ansehen, ist für die Verlage Diebstahl ihrer Inhalte. Wohlgemerkt: Es geht nicht um die urheberrechtlich ohnehin geschützte 1:1-Übernahme von Artikeln durch Dritte. Nach heftiger Kritik stellt der Gesetzentwurf auch klar: Blogger und andere Privatnutzer sowie “Unternehmen der sonstigen gewerblichen Wirtschaft” sollen nicht betroffen sein, wenn sie im Rahmen eines Beitrags auf ihrer eigenen Homepage einen Zeitungsartikel lediglich verlinken oder eine Passage daraus zitieren. Das hatten viele befürchtet. Nicht nur Google verdient an den Suchergebnissen – auch die Verleger Effektiv ist das Leistungsschutzrecht so ein Anti-Google-Gesetz: Die Suchmaschinen soll den Verlagen künftig Lizenzgebühren zahlen, wenn deren Artikel in den Suchergebnissen anzeigt werden. Dabei lassen die Presseverlage gern unter den Tisch fallen: Nicht nur Google verdient über Werbeeinblendungen Geld, wenn in seinen Suchergebnissen (neben Treffern von anderen Websites) ein Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel angezeigt wird. Google-Treffer führen den Websites der Verlage einen großen Anteil ihrer Besucher zu. Und dieser Faktor sollte für die Verlage eigentlich deutlich wichtiger sein als die Bedeutung der Verlagsinhalte für Google: Wenn Google als Reaktion auf das Leistungsschutzrecht einfach die Seiten der Verlage aus seinem Suchindex schmeißt (wie 2011 in Belgien geschehen), würden die Online-Zeitungen das bei ihren Zugriffszahlen schmerzhaft zu spüren bekommen. In den Google-Ergebnissen würden stattdessen andere Internetseiten nach oben rücken. Verwunderte Blicke aus dem Ausland “Die Einführung eines neuen Leistungsschutzrechtes darf nicht als ein gesetzgeberischer Schutz von alten, überholten Geschäftsmodellen missverstanden werden”, heißt es in der Begründung des Gesetzentwurfs explizit. Genau so sehen das aber viele Blogger. Der Internet-Branchenverband Bitkom befürchtet schon, Deutschland werde für Internet-Startups und Investoren unattraktiv. Tatsächlich reiben sich die Journalisten ausländischer Fachmedien angesichts der Vorgänge in Deutschland zunehmend verwundert die Augen. Statt mit den vielfältigen Möglichkeiten des Online-Journalismus zu experimentieren oder – wie beispielsweise in der Slowakei – zu versuchen, neue Bezahlmöglichkeiten für journalistische Inhalte zu entwickeln, setzen die Verlegerverbände in Deutschland auf einen Google-Zoll. Zu allem Überfluss ohne ein existierendes System, mit dem die Suchmaschinen-Maut tatsächlich abgerechnet werden könnte und mit einigen schwammigen Formulierungen im Gesetz. Bisher hat Google den Verlagen noch nicht öffentlich mit Sanktionen gedroht und hofft stattdessen, “dass der deutsche Bundestag dieses Gesetz stoppen wird”. Wenn das nicht passiert, bleibt die große Frage, ob die Verlage nicht schon bald kleinlaut – oder nach einem Vergleich mit Google – auf die komplizierte Durchsetzung ihrer neuen Rechte verzichten werden. von Fiete Stegers Posted von Zapp Redaktion in Aktuelles |
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10. August 2012
Von Hetzjagd kann keine Rede seinDie Medien sind ausnahmsweise nicht die Hauptverantwortlichen für das schalen Beigeschmack, den die „Drygalla-Affäre“ mittlerweile wohl bei fast allen Beteiligten hinterlassen hat – egal, ob man nun glaubt, die Ruderin sei in die rechtsextreme Szene verstrickt oder nicht. Die explosionsartige Dynamik verdankt die Geschichte dem Verhalten der Sportfunktionäre, das man bestenfalls stümperhaft, schlimmstenfalls verantwortungslos nennen muss.
Zur Erinnerung: Es war der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), der via Deutscher Presseagentur (dpa) und Sportinformationsdienst (SID) in der Nacht von Donnerstag auf Freitag um 01:30 Uhr morgens mitteilen ließ, die Ruderin Nadja Drygalla habe „am Donnerstag das Olympische Dorf in London verlassen.“ Denn „die Mannschaftsleitung der deutschen Olympiamannschaft“ habe „Erkenntnisse zum privaten Umfeld der Rudererin“ erhalten, die zu Gesprächen mit der 23 Jahre alten Rostockerin geführt hätten. Sie habe dann „von sich aus erklärt, dass sie das Olympische Dorf verlassen werde.“ Und weiter: „ Die Mannschaftsleitung begrüßt diesen Schritt“, so der Chef de Mission, Michael Vesper. Zu diesem Zeitpunkt hatte KEIN EINZIGES Qualitätsmedium in Deutschland auch nur eine Zeile oder eine Minute zu Nadja Drygallas Privatleben geschrieben oder gesendet. Was es aber gab (und wovon viele Journalisten auch wussten), war ein Blog-Beitrag der Rostocker Initiative „Kombinat Fortschritt“, der Bilder von Drygalla neben Bildern von Frauen in Neonazi-Outfit auf einer Facebook-Seite eines Rostocker Fotografen zeigte. „Kombinat Fortschritt“ benannte diesen Fotografen als den stadtbekannten Rostocker Neonazi Michael Fischer und machte darauf aufmerksam, dass dieser eben nicht nur eine Liebesbeziehung mit Nadja Drygalla unterhält, sondern dass die Ruderin offenbar auch kein Problem damit hatte, ihr Bild in einem solchen Kontext verbreitet zu sehen. Viele offene Fragen Daran knüpfen sich naturgemäß viele Fragen, die bis heute Gegenstand der Diskussion sind: Wie viel wusste und weiß Drygalla von den Aktivitäten ihres Freundes? Teilt sie dessen Ansichten? Billigte sie dessen Publikationen und Aktionen? Lieh sie ihm wissentlich ihr Auto zur Teilnahme an und Durchführung von Nazi-Aufmärschen? Wie viel Interesse darf die Öffentlichkeit, die den Spitzensport über Steuergelder maßgeblich mitfinanziert, am Privatleben einer Sportlerin haben, die Deutschland beim immerhin größten Sportereignis der Welt vertreten soll? Schließlich finanzieren auch die Angehörigen der NSU-Opfer und andere Menschen, die bei Neonazis buchstäblich auf der Abschussliste stehen, diesen Staat. Sie haben sehr wohl ein Recht darauf zu erfahren, wer sie da in London vertritt und wessen Ansichten dort geteilt werden. Die Beantwortung dieser und vieler weiterer Fragen aber hätte daher Gegenstand journalistischer Recherche und Berichterstattung sein dürfen, können und müssen. Der NDR und das Watchblog „Publikative.org“, das ich mit herausgebe, hatten sich am Donnerstag aber entschieden, die „Kombinat Fortschritt“-Geschichte nicht höher zu hängen und größer zu publizieren, weil uns die Faktenlage zu dünn erschien. Weil wir ungeklärten Fragen nachgehen wollten. Weil wir nicht wussten, ob es richtig wäre, Drygalla öffentlich anzuprangern, ohne die genaue Konstellation zu kennen. Warum reiste Drygalla überhaupt ab? Nicht so Michael Vesper und der DOSB: Allein die Anfragen einige Journalisten am Donnerstag und der Verweis auf den Beitrag von „Kombinat Fortschritt“ reichten dort offenbar aus, um in einer panikartigen Reaktion der mutmaßlichen Berichterstattung vorzugreifen und die Abreise Drygallas zu verkünden. Trotzdem bekundete Vesper am nächsten Morgen, Drygalla habe sich „von der rechtsextremen Szene distanziert.“ Er habe „keine Zweifel daran, dass sie auf dem Boden nicht nur des Grundgesetzes, sondern der Olympischen Werte steht“. Und weiter: “Man würde einem Menschen Unrecht tun, wenn man ihn durch einen anderen Menschen aus seinem persönlichen Umfeld diffamieren würde.” Der Präsident des Deutschen Ruderverbandes (DRV), Siegfried Kaidel erklärte sogar, „der Ruf einer Person“ werde „beschädigt, ohne mit ihr gesprochen zu haben.“ Bleibt die Frage: Von wem eigentlich? Wenn man sich Vespers und Kaidels Aussagen noch einmal zu Gemüte führt, muss man sich zwangsläufig fragen, warum Drygalla überhaupt abgereist ist? Warum durfte sie sich nicht neben Vesper auf dem Podium gegen die Vorwürfe wehren, die bis dahin ja noch von niemandem erhoben worden waren? Noch nicht einmal die Rostocker Blogger vom „Kombinat Fortschritt“ hatten Drygalla selbst der Zugehörigkeit zur rechtsextremen Szene bezichtigt. Die einfache Antwort lautet: Um sich ausgerechnet während der Olympischen Spiele schlechte PR vom Halse zu halten, ließen die Funktionäre die Sportlerin lieber “freiwillig” aus dem Olympischen Dorf abreisen, statt ihr die Möglichkeit zur Darstellung der Dinge aus ihrer Sicht zu geben. Wenn die Verbände aber nichts wussten und Drygalla sich von all dem distanziert, mit dem sie angeblich ohnehin nie was zu tun hatte, warum ließ man sie dann ins offene Messer laufen? Vieles deutet daraufhin, dass viele Personen im Umfeld von Drygalla Bescheid wussten, spätestens seitdem sie wegen der Beziehung zu Fischer den Polizeidienst quittierte, wie das Innenministerium in Mecklenburg-Vorpommern bestätigte. Auch ihr Freund Fischer gehörte früher selbst zu den deutschen Leistungsruderern. Drygalla war als Ruderin offenbar einfach zu gut, als dass man sie analog zur Polizei ernsthaft wegen ihrer privaten Beziehungen aussortieren wollte. Schuld sind immer die anderen Im Nachhinein schiebt man sich nun gegenseitig den Schwarzen Peter zu: Hans Sennewald, Vorsitzender des Landesruderverbandes Mecklenburg-Vorpommern, widerspricht den Darstellungen des Dachverbandes, denn er habe den Sportdirektor im Deutschen Ruderverband, Mario Woldt, beim Frühjahrstest in Köln „ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das Innenministerium die weitere Beschäftigung Nadjas wegen ihres Freundes und seiner Umtriebe für problematisch gehalten hat“. Woldt hingegen gibt zu Protokoll, er wundere sich, „dass Herr Sennewald im Wissen um die mögliche Tragweite dieser Geschichte nicht den Vorstand des Deutschen Ruderverbandes informiert hat.“ Sennewald und Drygallas Heimatverein, der Olympische Ruderclub Rostock, sind nun darum bemüht, die Ruderin als Opfer einer Medienkampagne hinzustellen: „Sie ist am Boden zerstört“, sagte Sennewald wenige Tage nach deren Abreise der dpa. Ihm tue „die Ruderin leid“, sie sei in „Sippenhaft für die Überzeugungen ihres Freundes“ genommen worden. Er sei „entsetzt über den Umgang in der Öffentlichkeit mit ihr.“ Das wirkliche Ensetzen aber überkommt einen angesichts des Verhaltens der Funktionäre: Erst wollten sie offenbar Stillschweigen über Drygallas möglicherweise problematisches privates Umfeld bewahren, dann warfen sie sie beim geringsten Anzeichen öffentlicher Berichterstattung den Medien zum Fraß vor – und nun stellen sie sich schützend vor sie und zeigen mit dem Finger auf die böse Presse. Mit Verlaub: Weniger inhaltliche Auseinandersetzung und mehr Heuchelei geht nicht. Darin liegt der eigentliche Skandal der „Drygalla-Affäre“. von Andrej Reisin Posted von Zapp Redaktion in Allgemein |
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19. Juni 2012
Nur Mut!Wie wird die Zukunft des Journalismus aussehen? Mal abgesehen davon, dass sie im Netz stattfinden wird? Die Teilnehmer des Reporter-Forums wissen seit vergangener Woche so viel: Online soll bald Geld kosten. Zumindest wenn es nach den Chefredakteuren großer Printmedien geht, die sich bei einer Podiums-Diskussion gegenseitig versichert haben, dass die Gratis-Kultur im Netz nicht weiterbestehen darf. “Zeit”-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo will versuchen, Online-Inhalte mit einer Bezahlschranke zu versehen, auch wenn er es nicht so nennen will. “Spiegel”-Chef Georg Mascolo sieht das genauso. Peter-Matthias Gaede (“GEO”) und Ines Pohl (“taz”): Keine Einwände. Springer und “FAZ” experimentieren schon länger.
Und immer wieder der Hinweis Richtung USA. Dort geht die “New York Times” seit einiger Zeit mutig voran beim Thema Paywall. Mit überraschendem Erfolg. Was dazu führt, dass sich die Branche nun auch in Deutschland an das Thema heranpirscht. Interessant wäre gewesen, was Vertreter des deutschen Online-Journalismus dazu gesagt hätten. Der Marktführer “Spiegel Online” zum Beispiel, der jetzt schon Rendite macht, auch ohne Paywall. Aber Matthias Müller von Blumencron, der – wie man mancherorts lesen kann – zu diesem Thema eine klare Haltung hat, saß an diesem Abend nicht auf dem Podium. Und das ist ein Indiz dafür, woran das Reporter-Forum krankt, zumindest wenn es sich die Frage nach der Zukunft des Journalismus vornimmt. Hier diskutieren Print-Journalisten einigermaßen klassischer Prägung über Netzjournalismus, den andere machen. Da hilft auch kein Stefan Niggemeier auf dem Podium. Die Agenda für die nächsten Jahre scheint also klar: Tragfähige Bezahlmodelle zu finden, mit denen Printinhalt im Netz wirtschaftlich gemacht werden kann. Dabei meiden die Chefredakteure auf der Bühne des Reporter-Forums die Grundsatzfrage: Wie muss sich der Journalismus selbst verändern, um im Netz bestehen zu können? Welche neuen Formen muss er entwickeln, erzählerisch wie inhaltlich? Welchen neuen Nutzergewohnheiten muss er sich anpassen? Wie begegnet er den überall lauernden Ablenkungen im Netz, die um die Aufmerksamkeit jedes potentiellen Lesers buhlen? Mag sein, dass die Antworten am Kern des heutigen Printjournalismus rühren und an den Grundüberzeugungen einiger Chefredakteure. Aber es ist keine Lösung, sie zu ignorieren und zu sagen: Damit beschäftigen wir uns, wenn es soweit ist. Jetzt suchen wir erst mal ein Geschäftsmodell. von Bastian Berbner Posted von Zapp Redaktion in Aktuelles |
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14. Juni 2012
Druck beim NWZ-VerlagZAPP berichtete über die Nordwest-Zeitung (NWZ) in Oldenburg. Dort setzt der Verlag in der Redaktion ein, um Lohndumping zu betreiben. Das ist nur das jüngste Beispiel für die Atmosphäre der Angst, die der Verlag bei Teilen seiner Belegschaft schürt und die wir in unserem Beitrag thematisiert haben. Mit solchen Einschüchterungen hebelt der NWZ-Verlag letztlich das Streikrecht aus: Als noch vor wenigen Wochen Leiharbeiter mitstreikten, wurden sie sozusagen “straf-versetzt”, in andere Unternehmen. Das ist legal, im Arbeitsvertrag festgehalten. Die Botschaft ebenso klar. Die Fronten bei der NWZ sind mittlerweile so verhärtet, dass, so fürchten einige Redakteure, die negative Stimmung durchschlagen könnte auf die Qualität des Blattes. Auf die ZAPP Berichterstattung hat der Verlag übrigens mit einem internen Schreiben an die Führungskräfte reagiert, verfasst von Geschäftsführer Ulrich Gathmann. Offenbar sieht er sich gezwungen, sich gegenüber seinen Mitarbeitern zu rechtfertigen. Er schreibt: “Wir haben immer gesagt, dass wir langfristig auf sozialverträgliche Weise die Kostenentwicklung verlangsamen müssen, um angesichts deutlich sinkender Anzeigenerlöse und Auflagen genügend Zeit zu haben, um zusätzliche digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln.” Genau darüber hätten wir – ZAPP – gern mit dem Verlag gesprochen. Aber wir bekamen weder ein Interview noch ein Statement. Weiter heißt es in Gathmanns Schreiben: “Der Bericht von ZAPP ist schlecht recherchiert und in großen Teilen falsch und tendenziös. Er ist nach bewährter ZAPP Manier auf maximale Emotionalisierung (“Wut”, “Angst”, etc) ausgelegt.” von Bastian Berbner Posted von Zapp Redaktion in Allgemein |
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14. Juni 2012
Nach dem ESC droht HaftDem Videoblogger Mehman Hussejnow drohen bis zu fünf Jahre Haft. Der Vorwurf: Er soll bei einer Demonstration am 21. Mai Polizisten beleidigt und verletzt haben. Er war am Dienstagabend für einen Tag in Gewahrsam genommen worden. Einen Tag später wurde er unter Auflagen wieder entlassen, die Anklage besteht allerdings weiterhin. Baku darf er bis zu einem Gerichtsentscheid nicht verlassen.
Mich hat diese Nachricht schockiert: Ich habe Mehman Hussejnow kennengelernt und seine mutige Arbeit in einem ZAPP Beitrag dokumentiert. Auf die besagte Demo hat er mich sogar mitgenommen. Ich blieb an seiner Seite. Er war sehr ruhig bei der Arbeit, auf die Sache konzentriert. Dort soll er einen Polizisten beleidigt haben? Ich habe nichts dergleichen gesehen. Aus meiner Sicht ist es ein Vorwand unter dem er festgenommen wurde. Aserbaidschan wollte sich zum Eurovision Song Contest als offenes, nach Westen gewandtes Land präsentieren. Mehman Hussejnovs Beiträge über Häuserabrisse und gewaltsame Polizeiaktionen und nicht zuletzt seine Festnahme deuten darauf, dass alles nur schöner Schein war. „Die Polizisten prügeln jetzt vor dem Song Contest nicht gleich mit dem Schlagstock drauf los, aber nach dem ESC werden sie sicher wieder so hart sein wie früher“, sagte Mehman Hussejnow, als ich ihn in Baku traf. Leider hat er offensichtlich recht behalten, dass das Regime jetzt sein wahres Gesicht zeigt. Hussejnows Youtube-Videos sind zigtausende Mal geklickt worden. Er ist die Stimme eines anderen – eines regime-kritischen Aserbaidschan. Klar, dass er mundtot gemacht werden soll. Der Presse-Tross ist weitergezogen. Andere Großereignisse bestimmen jetzt die Berichterstattung. Es war die erste Festnahme dieser Art nach dem ESC. Vermutlich testet die Regierung mit diesem Verfahren, wie weit sie gehen kann. Ob sie diesen Kurs fortsetzen wird, hängt sicher auch vom Widerhall in der ausländischen Presse ab. von Ada von der Decken Posted von Zapp Redaktion in Sendungsinhalte |
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